ARCHIV – 12.12.2025
Forschungsreise nach Nordwesten provoziert Konflikt
Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.
Heute in der Früh haben wir uns endlich auf den Weg gemacht. Ich hatte schon sehr lange keine Mission mehr und habe mich riesig darauf gefreut, endlich wieder loszuziehen. Beim letzten Mal war ich mit M. B. unterwegs, entlang der Eimh. Der darf nun aber allein weiter ins Fennreich reisen. Mir hat die oberste Kartografin untersagt, ohne Begleitung loszuziehen. Schon wieder. Doch in dieser Expedition werde ich mich beweisen.
Wir nutzten die Reiseroute entlang der Eimh, die ich das letzte Mal erarbeitet hatte. Die beiden mir zugeteilten Begleiter waren ganz schön leichtsinnig. Sie trotteten einfach den Pfad entlang und hörten in keiner Weise auf das, was ich ihnen erzählte. Ich warnte sie vor Erdrutschen am Flussufer, den merkwürdigen Raubtieren weiter nördlich, erzählte über Skuhuks. Sie wollten einfach nicht auf mich hören, obwohl doch ich als einziger hier bereits entlang geschritten war…
Unser erstes Lager richteten wir entgegen meinen Vorschlägen irgendwo in Ufernähe ein. Während der Dunklung hielt mich das plätschernde Wasser der Eimh wach. Und so hütete ich das Feuer. Die beiden anderen schliefen tief. Manchmal schnarchte er, bis sie ihn mit einem gezielten Tritt aus dem Schlaf riss und Stille einsetzte. Wenige Momente später wiederholte sich das Spektakel dann. Man hatte mir erzählt, sie seien Geschwister, geboren in Morgathal. Verwandt mussten sie sein, sonst würde er sich das wohl kaum von ihr gefallen lassen. Doch ob sie wahrhaftig aus Morgathal stammten, daran hatte ich Zweifel. Sicher waren sie etwas eigen, manchmal ziemlich grob und keineswegs bescheiden. Aber eine Frau aus Morgathal, die ein Schwert führt? Dieses merkwürdig rückständige Volk würde sie wohl lieber aufhängen als das zuzulassen.
Es regnete als wir unseren Weg fortsetzten. Anfangs nur schwach, wurden die Wassermassen bald unerträglich. Die anderen wollten keine Pause einlegen. Und so erreichten wir das andere Ufer der Eimh. Grünhaut-Territorium. Ich umklammerte mein Schwert fester und begriff, dass es mir nichts nutzen würde.
Allmählich näherten wir uns dem Ziel: Speerhügel. Hier herrschte eine merkwürdige Szenerie und ich hielt inne. Die Landschaft war durchzogen von Kratern, unnatürlich geformten Löchern und Hügeln, Rinnsale schlängelten sich entlang schmaler Gräben und bildeten Pfützen. Es erinnerte mich ein wenig an meine kläglichen Versuche, in Bruck eine schmackhafte Penja für meine kleine Schwester zu finden, wie das Fleisch der überreifen Frucht eingedrückt war, voller Dellen und Furchen und so traf mich ein Speer direkt in den Rücken. Gedämpfte Klänge angriffslustiger Feinde und mutiger Gefährten zogen an mir vorbei. Regentropfen hämmerten gegen meine Stirn. Ich wagte nicht, nach unten zu sehen. Ich wagte nicht, irgendwohin zu sehen. Dann sackte ich zusammen. Es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit.
Vor mir spritzte Blut. Ich betrachtete, wie eine Klinge ansetzte und präzise einen horizontalen Schnitt vollzog, ein Augenpaar verlor Licht, ein Körper seinen Bewohner, ein grüner Kopf fiel zu Boden. Da floss es auch schon hinaus und das Blut vermischte sich mit dem Regenwasser, tränkte das Grün und bedeckte mehr Fläche als ich es erwartet hatte. Ich sah etwas Weiß als das Rot gewichen war und sah in ein Gesicht, das seinen Tod scheinbar nicht hatte kommen sehen. Da fragte ich mich, wie ein Gesicht wohl aussehen musste, das sein Ende erkannte und schaute so doch nach unten auf der Suche nach einer Wasserlache. Ich fand sie nicht.
Da begannen plötzlich Schmerzen. Ich schrie, doch vermutlich hörte man mich nicht. Ein weiterer Goblin fiel zu meiner Rechten. Rasch klappte er zusammen, fast wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hatte. Links fiel der nächste, aus dem es geradezu hinaussprudelte. Ich fragte mich, welche Innereien da genau aus ihm herauskamen und nahm mir vor, die Medizinerin des Allwissenden Archivs darauf anzusprechen.
„Du bist eine spitzohrige Missgeburt!“, brüllten sie mich an, „Jetzt kriegen wir nur den halben Sold“. Er zertrümmerte das letzte Fleisch und sie steckte ihr Schwert weg.
Sie brachten mich zurück zum Elendar. Jetzt sitze ich hier und die Dunklung naht. Sie haben mir ein Feuer gemacht und suchen gerade nach der Grünen Brigade, um meine Verletzung heilen zu lassen. Sie werden wiederkommen, mich verarzten und dann nach Hause bringen. Bis dahin muss ich hierbleiben und warten. Zumindest glaube ich das. Ich darf nur nicht einschlafen, egal wie beruhigend das Wasser des Elendars vor sich hinplätschert. Ich sollte meine Sippe in Weidhain mal wieder besuchen.
Illustration "Schlafplatz an der rauschenden Eimh" by Nathan Birchall
gezeichnet K. S., Archivar des Allwissenden Archivs, Fachgebiet Zacken, Abteilung Feldberichte und Dokumentation ✝