ARCHIV – 29.01.2026
Über alles, was bisher zum Volk der Fenn bekannt ist.
Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.
Im Auftrag der obersten Kartografin wurden verschiedenste historische Schriften sowie Reiseberichte der vergangenen 100 Wenden zusammengetragen und ergründet. Die hiesige Aufzeichnung soll einen gegenwartsnahen Überblick zu den Völkern, Gruppierungen und Geschöpfen Isdraias belegt ordnen. Dieses Kapitel thematisiert das Fennreich im Südwesten Isdraias. Aus dem Fennreich liegen nach heutigem Stand acht Mitteilungen vor, darunter drei Reiseberichte, zwei Gesprächsprotokolle und drei sonstige Dokumente. Auch konnten Aufzeichnungen genutzt werden, die einige Wenden zurückreichen.
Im Allgemeinen ist das Volk der Fenn an verschiedenen Orten in Isdraia verteilt. Vertreter ihres Volkes sind auch in Bruck ansässig. Die Fenn, die im äußersten Westen Isdraias, an der Rohsteige, leben, nennen sich selbst „Fenn des Westens“. Ihr Siedlungsgebiet startet angeblich unmittelbar am Weltensteig. Es ist bekannt, dass dort ein Ort namens Fennquell liegt. Doch konnte dieser bisher nicht vom Allwissenden Archiv erreicht werden. Die Aufzeichnungen reichen lediglich bis nach Weiler, dem wichtigsten Ankerpunkt für Handwerk im Fennreich. Daneben liegen die umfassendsten Berichte über Kuer vor, der Hauptstadt der Fenn. Hier herrscht reger Handel, zum Teil auch mit Auswärtigen.
Phänotypisch unterscheiden sich die Fenn außerhalb von Bruck minimal von ihren hiesigen Vertretern. Durch die rudimentäre Lebensweise und vergleichsweise hohe körperliche Arbeit, sind sie muskulöser. Fenn im Allgemeinen fallen durch ihre überproportional langen und spitzen Ohren auf, die sie eindeutig identifizierbar machen. Ebenfalls sind sie in den meisten Fällen gut einen Kopf größer als ein erwachsener Mensch. Ihr Teint ist etwas dunkler als jener der Cupdorianer.
Im Vergleich zu den Fenn hier in Bruck scheinen diejenigen im Fennreich über einige merkwürdige Eigenarten zu verfügen. Sie sind außerordentlich wachsam, skeptisch und gar argwöhnisch. Es scheint ihnen wesentlich lieber, mit einem Wolby statt mit einem Fremden Zeit verbringen zu müssen. Diese durchaus nachvollziehbare Einstellung scheint allerdings nicht nur an einer Vorliebe für Wolbys, sondern auch einer Abneigung dem Fremden gegenüber zu liegen.
Fenn gelten als traditionell und scheinen sich allem Neuen und Fremden bewusst fernzuhalten – im Besonderen, wenn es nicht in Einklang mit den Werten ihrer Göttin Fendiril steht. Die Fenn sehen sich als komplementären Teil ihrer Flora und Fauna und weniger in der Position, diese kontrollieren und beherrschen zu wollen. Ältere Berichte thematisieren „Gnadenbrotochsen“, eine Praxis, die in die Wenden gekommene Zugtiere aus ihrem Dienst entlässt, ohne sie in der Konsequenz zu schlachten. Im Allgemeinen scheinen Fenn das Schlachten und Verarbeiten von Zugtieren abzulehnen, jedoch ist dies bisher nicht eindeutig belegbar. Einerseits sind die vorliegenden Berichte zum Teil bereits dutzende Wenden alt, zum anderen sind nicht alle Gebiete des Fennreichs ergründet. Ob der Umgang mit den Gnadenbrotochsen etwa auch auf andere Spezies angewendet wird, ist nicht bekannt. Wolbys gegenüber wurden widersprüchliche Beobachtungen gemacht. Einerseits setzen die Fenn darauf, Wolbys eine Art Wahlmöglichkeit bei ihren Besitzern zu lassen. Andererseits sperren sie die Tiere in Käfige, um sie zu verkaufen. Möglicherweise ist auch dies von der jeweiligen Region im Fennreich abhängig.
Allgemein lässt sich festhalten, dass über die Fenn im äußersten Westen Isdraias am wenigstens bekannt ist. Das hängt stark damit zusammen, dass die Fenn dort am wenigstens an Gastfreundschaft interessiert sind. Wer das Fennreich als Außenstehender bereist, wird mit zunehmender Reise gen Westen zunehmend Hindernisse in seinem Weg finden. Und mit Hindernissen sind vor allem die ansässigen Fenn gemeint. Schließlich ist festzustellen, dass das Senktal, gelegen im Südwesten des Fennreichs, eine Art Extremexemplar darzustellen scheint. Es existieren verschiedene, bisher unbelegte Gerüchte, die sich meist um dortige Essgewohnheiten drehen: Angeblich essen Senktaler Wolbys, ihre eigenen Nachkommen und allerlei sonstige Geschöpfe – präferabel roh und bei lebendigem Leibe. Aufgrund der fragwürdigen Lage im Senktal wurden Expeditionen dorthin zunächst verschoben, um angemessene Vorbereitungen treffen zu können.
In älteren Berichten werden die Fenn als „rückständig“ beschrieben, besonders weil sie wenig von der Verbreitung des Dar halten. Lieber blieben sie für sich und führten ihren auf Gegenseitigkeit basierenden Tausch voran. Mittlerweile scheinen sie sich allerdings langsam dem Münzhandel zu öffnen. Dies gilt jedoch vor allem für die östlicheren Gebiete des Fennreichs. Von Kuer bis Weiler ist eine weitreichende Verbreitung bekannt.
Auch in anderen Aspekten wurde das Volk einst als besonders rückwärtsgewandt beschrieben. Militärisch können die Fenn kaum mit dem Aufgebot einer fortschrittlichen Stadt wie Bruck mithalten, geschweige denn den großkotzigen Anlagen in der Südkamm. Doch in jüngsten Berichten zeigt sich ein Wandel und das Verteidigungsaufgebot des Volkes wächst: In den Städten Kuer und Weiler sind Aufrüstungsmaßnahmen bereits mit bloßem Auge sichtbar und haben besorgnisregend schnell an Größe gewonnen. Bekannt ist außerdem die Grüne Brigade, eine Art Späher-Einheit im östlichen Dämmerlichtwald. Unter ihnen soll es talentierte Heilkundler geben, doch gibt es wenig weitere Kenntnisse über ihren genauen Zweck, ihre Truppenstärke oder ausgehendes Gefahrenrisiko. Meistens befinden sich Sichtungen der Grünen Brigade zwischen dem Zacken und Kuer.
Tiefere Abstecher ins Fennreich konnten bisher nicht erfolgreich durchgeführt werden. So zeigen sich die Fenn als äußerst unkooperativ. Sie weigern sich, von Bruck, dem Bürgermeister und Allwissenden Archiv ernannte Autoritäten anzuerkennen. Eine Exploration der abgelegenen Siedlungen im äußersten Westen musste vorzeitig abgebrochen werden. Die Stadtwache Weilers ließ den beauftragten Archivar nicht weiter vordringen.
All diese Beobachtungen werfen Fragen auf. Bereiten sich die Fenn auf einen Angriff vor oder darauf, angegriffen zu werden? Auch kursieren Gerüchte über geheime, mächtige Waffen im Fennreich. In ihnen soll eine ungeahnte Macht schlummern. Doch die Glaubwürdigkeit dieser Angaben wird von der obersten Kartografin des Allwissenden Archivs stark angezweifelt. Ruhe sei angemessener als Panik.
Illustration "Blick der Wipfel" von Olivia Hintz
Gezeichnet, M. W., Archivarin des Allwissenden Archivs, Abteilungsleitung Schriften und Wissen