ARCHIV – 12.02.2026
Das Allwissende Archiv präsentiert den aktuellen Wissensstand über das Volk von Morgathal.
Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.
Im Auftrag der obersten Kartografin wurden verschiedenste historische Schriften sowie Reiseberichte der vergangenen 100 Wenden zusammengetragen und ergründet. Die hiesige Aufzeichnung soll einen gegenwartsnahen Überblick zu den Völkern, Gruppierungen und Geschöpfen Isdraias belegt ordnen. Dieses Kapitel thematisiert die Menschen des Königreichs Morgathal um die Siedlungen der Südkamm. Als Grundlage dienen ein aktueller Reisebericht sowie ein Dutzend alter Bücher aus dem privaten Besitz des Bürgermeisters. Großzügigerweise stellt er diese zur Verfügung, da er zwar Einreiseerlaubnis nach Morgathal besitzt, aber zu geschäftig ist, um vor eine Reise in die Südkamm zu vollziehen.
Das Königreich Morgathal liegt im äußersten Südosten Isdraias. Dort wird es durch das Trergebirge eingerahmt. Die Gipfelklingen begrenzen das Territorium im Norden und westlich geht es nicht über den Elendar hinaus. Innerhalb des Königreichs fließt die Siegesader. Der Fluss entspringt im Trergebirge und schlängelt sich von dort durch Morgasee, Neunbrücken, Westwacht und mündet schließlich in den Elendar. Dabei gilt der Morgasee als das größte Wasseraufkommen Isdraias. Militärisches wie politisches Zentrum der Südkamm ist die Hauptstadt Morgathal. Sie ist nach dem ehemaligen König Morga benannt. Sie liegt unmittelbar im Westen des Morgasees.
In einigen Werken ist die Rede von einer Südkamm mit üppigen Ländereien, die zur Farmarbeit und Viehzucht verwendet werden, teilweise mit Zeichnungen. Die ältesten Aufzeichnungen, die dem Archiv vorliegen, beschreiben außerdem wesentlich mehr Waldfläche als heutzutage. Und Wälder sind nicht die einzigen landschaftlichen Strukturen, die sich über die Wenden verändert haben. Selbst Flüsse sollen dem Kontrollwahn der Menschen in der Südkamm zum Opfer gefallen sein – zumindest scheinbar. Um diese drastischen Unterstellungen zu prüfen, müssen weitere Expeditionen durch das Allwissende Archiv vollzogen werden. So stellt sich aktuell die Frage, ob nicht ein Krieger Stift und Papier in die Hand nahm, um festzuhalten, was er für ruhmreich hielt, nachdem er etwas trank, das rumreich war.
Versucht man die Menschen Morgathals optisch zu identifizieren, gelingt dies am einfachsten über ihre Roben und Rüstungen. Silberner Stahl, gepaart mit königsblauen Elementen, ist das Markenzeichen der Kriegerelite. Ihre Soldaten sind fast gänzlich darin eingehüllt und unter dieser einheitlichen Rüstung versteckt. Morgathaler erkennt man gut daran, dass sie alle gar gleichsam wirken. So sieht man zwar auf den ersten Blick, wenn man es mit einem der ihren zu tun hat, doch kann lediglich davon träumen, diesen wiederzuerkennen oder überhaupt von anderen ihres Volkes unterscheiden zu können. Dies gilt vor allem für die männlichen Soldaten unter ihnen. Weibliche Soldaten gibt es nicht. Auffällig ist außerdem, dass die Morgathaler scheinbar keine großen Verfechter des Fernkampfes sind. Nie ward einer von ihnen mit einem Bogen gesichtet. Sie tragen schwere Schilde, Schwerter oder Speere.
Die Menschen Morgathals sind auf Basis der vorliegenden Informationen schwer in ihrer Wesensart zu kategorisieren. Die Buchsspenden über die Kriegerelite erzählen ein vergleichsweises positives Bild, von zielstrebigen und konsequenten Herrschern und Gefolgsleuten. Die Werke zeigen ein Volk, das gar in unerreichbarer Überlegenheit das ganze Land unterwerfen könnte. Es ist ein stolzes Volk, dem andere womöglich Arroganz und Eitelgeit vorwerfen mögen. Es ist ein Volk, das kompromisslos für sein Königreich einsteht – oder einstehen muss?
Das Allwissende Archiv verfolgt an Anspruch, möglichst neutral zu berichten. Je weniger unabhängige Schriften zur Kriegerelite vorliegen, desto schwerer wird es, diesem Ziel treu zu bleiben. Möglicherweise ist das Problem genau hier größer denn je. Eine Glorifizierung der Morgathaler soll in keiner Weise angestrebt werden.
In der anekdotischen Begegnung mit dem ein oder anderen Vertreter der Kriegerelite ist das Volk als besonders laut aufgefallen. Darüber hinaus legen sie großen Wert auf materiellen Besitz, sind gar knauserig und kleinlich, was in Widerspruch zu den Prachtbauten steht, die das Königreich hervorgebracht hat. Nicht nur in dieser Hinsicht ist es manchmal schwer, eine Überschneidung zwischen Morgathalern und Sinn zu finden.
Sie lehnen alles „Unnormale“ und „Unnatürliche“ ab – was auch immer das alles bedeuten mag. Frauen dürfen, wie erwähnt, den Dienst am Schwert nicht antreten. Vielmehr ist über Frauen der Kriegerelite auch nicht bekannt. In den vorliegenden Büchern finden sie keinerlei Erwähnung. Da auch lediglich ein einziger aktueller Reisebericht vorliegt, ist das Thema der Weiblichkeit sehr schleierhaft. Innerhalb der Archivare herrscht Streit darüber, ob sich die Morgathaler vielleicht reproduzieren, indem sie Eier legen. Möglicherweise ist diese Spekulation jedoch nur auf ein paar weniger ernstvolle Überlegungen gestützt. Dem Anschein nach zählen zu den unerwünschten, unnatürlichen Dingen der Morgathaler auch Bäume. Diese vernichten sie mit beeindruckender Vehemenz, um freie Sicht auf mögliche Feinde zu schaffen.
Jüngste Entwicklungen um die Kriegerelite können vom Allwissenden Archiv schwer eingeschätzt werden. Es mangelt, wie nun bereits zum wiederholten Male vorgejammert, an einer angemessenen Wissensgrundlage. Expeditionen sind in Planung, um etwa den noch bestehenden Waldbestand zu untersuchen. Merkwürdigerweise scheint es bestimmte Gebiete in der Südkamm zu geben, in denen kategorisch keine Axt angelegt und kein Wald gerodet wird.
Illustration "Klarstahl" von Felix Tisch
Gezeichnet, M. W., Archivarin des Allwissenden Archivs, Abteilungsleitung Schriften und Wissen