ARCHIV – 19.02.2026
Dringende Warnung vor den Skuhuks des Allwissenden Archivs.
Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.
Im Auftrag der obersten Kartografin wurden verschiedenste historische Schriften sowie Reiseberichte der vergangenen 100 Wenden zusammengetragen und ergründet. Die hiesige Aufzeichnung soll einen gegenwartsnahen Überblick zu den Völkern, Gruppierungen und Geschöpfen Isdraias belegt ordnen. In diesem Kapitel wird das Volk der Skuhuks beschrieben. Basierend auf drei Reiseberichten jüngster Vergangenheit und alten Schriften vergangener Zeiten werden Erkenntnisse zusammengetragen.
Das Volk der Skuhuks belagert einen vermutlich nicht unerheblichen Teil im Nordwesten Isdraias. Sie bezeichnen ihr Territorium als Skuh-Be’Tak. Im Gegensatz zu den zivilisierteren Völkern Isdraias sprechen nur wenige von ihnen Mittenluft. Stattdessen formen ihre verkümmerten Lippen primitive Laute, die unter dem Namen „Skuhog“ eine Form der Kommunikation darstellen sollen. Den Buchstaben S können sie nicht aussprechen und zwischen stattdessen eher ein bösartiges Z. So wundert auch nicht, dass sie ihrem Territorium einen Titel geben, die ein normaler Brucker Bürger kaum auszusprechen vermag. Durchaus gibt es einige Skuhuks, die auch in Bruck leben. Diese haben sich den hier herrschenden Maßstäben weitestgehend angepasst oder zumindest den Versuch unternommen, daran nicht zu scheitern.
Ungeachtet dessen wird Skuh-Be’Tak von verschiedenen Stämmen der Skuhuks besiedelt. Vor allem der Stamm der Einohren scheint dabei zu dominieren und wurde sowohl in der älteren wie jüngeren Vergangenheit am häufigsten beobachtet. Andere Stämme schienen vor vielen Wenden ebenfalls existiert zu haben, nur ist ihr Verbleib ungewiss. Was Skuh-Be’Tak betrifft, ist insgesamt nur wenig über die genauen Siedlungsgrenzen und Zentren bekannt. Auch ist schwer einzuschätzen, wie weit sich der Lebensraum der Skuhuks in die verschiedenen Himmelsrichtungen ausdehnt. Aktuelle Sichtungen der grünen Plagegeister häufen sich in direkter Nähe zur Eimh. Eine dieser Sichtungen endete gar tödlich.
Es ist nicht vorstellbar, dass irgendein irdisches Wesen auf einen Skuhuk blickt und nicht erkennt, gerade auf einen Skuhuk zu blicken. Meist modernd grün, je nach Stamm auch gräulich-bräunlich, ist die Haut, die ihre Körper bedeckt. Ihre Ohren – wenn sie diese denn überhaupt noch haben, immerhin heißen Einohren nicht grundlos wie sie nun mal heißen – sind überdimensioniert, meist lang und spitz. Allesamt sind sie befallen von einer Hautseuche, den Notts. Sie wachsen heran, beulenartig und verbreiten sich immer mehr und mehr. Die Notts werden unter den Männchen der Skuhuks-Spezies stärker ausgeprägt beobachtet. Ältere Schriften vermuten, dass die weiblichen Exemplare eine Art Sinn für Ästhetik innehaben und sich die Beulen daher entfernen. Einige Stimmen im Allwissenden Archiv bezweifeln, ob man ihnen so viel zutrauen kann.
Abgesehen der Notts unterscheiden sich zumindest die Einohren deutlich je nach Geschlecht. Für die anderen Stämme liegen nur anekdotische Erkenntnisse vor. Die Männchen der Einohren sind meist mager, wirken gar gebrechlich. Die weiblichen ihrer Art werden hingegen wohl üppig umsorgt und sind korpulent gebaut. Scheinbar möchten sie damit die Fruchtbarkeit erhöhen.
In jedem Falle sehen Skuhuks nicht nur scheußlich aus, sondern stinken auch allesamt.
Über das, was die Skuhuks ihre Sprache schimpfen, ist bereits geschrieben. Doch soll erwähnt sein, dass sich das primitive, rückständige Gebrülle und Gebrabbel, das aus den grünen Mündern hervorkommt, in einem gewissen Ursprung wiederfindet: Groll. Und dieser Groll zeigt sich nicht nur in den Lauten, die die Skuhuks von sich geben. Sie sind sowohl individuell als auch im großen Ganzen ein Volk, das der Welt feindlich gegenüber eingestellt ist. Sie reagieren nicht einfach nur mit Wut und Gewalt, sie initialisieren sie.
In vielen der alten Schriften wird über den Groll der Skuhuks diskutiert. Sind es die Schmerzen, die die Notts auslösen? Sind es ihre unterentwickelten Gehirne? Sind es Geheimnisse, die nicht greifbar für uns sind und vielleicht auch niemals sein werden? Für den heutigen Stand möge es ausreichen zu wissen, dass Skuhuks im Allgemeinen das wohl gefährlichste Volk Isdraias darstellen. Dies liegt nicht nur an ihrer Gewaltbereitschaft. In erster Linie sind sie unberechenbar und daher ein Problem.
Sieht man von den offensichtlich riskanten Aspekten der Skuhuks ab, kann zudem festgestellt werden, dass sie eine außergewöhnliche Vorliebe für spitze Gegenstände haben. Funde sprechen dabei für einen regelrechten Sammelwahn: ganze Kisten voller Grünhäute-Schmuckstücke sind untersucht worden. Darin befanden sich unter anderem Speerspitzen, Angelhaken, Feilen, Pfeilspitzen, Nägel, Sticknadeln und Heugabeln.
Die ältesten vorliegenden Dokumente unterstellen gar, dass den Skuhuks eine Kultur innewohnt. Sie interpretieren sinnerfüllte Riten in lose Details. Dass die Einohren unter den Skuhuks über lediglich ein Ohr verfügen, sei diesen nach nicht nur kein Zufall, sondern ein Brauch, um die eigene Zugehörigkeit zum Stamm zu manifestieren. Das Allwissende Archiv zweifelt auf Basis der sonstigen Erkenntnisse an, ob bewusstes Handeln von Grünhäuten erwartbar ist.
In den aktuellen Entwicklungen um die Skuhuks kann ein bezeichnender Vorfall nicht ausgelassen werden. In der Berichterstattung nach außen hat das Allwissende Archiv nicht den Anspruch, derartige Vorfälle und Verluste zu thematisieren – aus selbstverständlicher Anteilnahme mit den Verbliebenen. Hier dient es als Beleg, die Dringlichkeit der Vorsicht zu untermauern, die im Umgang mit den Skuhuks erforderlich ist.
Vor einigen Dunklungen kam ein Archivar auf Expeditionsreise ums Leben, obwohl dieser von einer Leibgarde begleitet wurde. Seine beiden Begleiter waren gut ausgebildete Kämpfer und konnten sich laut ihren Angaben nur mit Mühe gegen einen Skuhuk-Angriff behaupten. Unterwegs zu den Speerhügeln wurde die Truppe hinterrücks überfallen und der Archivar wurde so schwer verwundet, dass er starb. Der Vorfall ereignete sich unmittelbar nach Überquerung der Eimh. Dies ist zumindest, was Feldbericht und Aussagen der Leibgarde vermuten lassen. Schenkt man diesem Glauben, so rückt die grüne Bedrohung allmählich voran, zunehmend gen Süden. Grenzverletzungen und Konflikte mit den Fenn könnten folgen. Und vielleicht stehen sie irgendwann hier am Elendar.
Illustration "Aufhetzer der Einohren" von Zoe Badini
Gezeichnet, M. W., Archivarin des Allwissenden Archivs, Abteilungsleitung Schriften und Wissen