Almanach: Zum Volk der Stromläufer

ARCHIV26.02.2026

Almanach: Zum Volk der Stromläufer

Im Herzen Isdraias, mitten in Bruck, lebt das großartige Volk der Stromläufer.

Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.

Im Auftrag der obersten Kartografin wurden verschiedenste historische Schriften sowie Reiseberichte der vergangenen 100 Wenden zusammengetragen und ergründet. Die hiesige Aufzeichnung soll einen gegenwartsnahen Überblick zu den Völkern, Gruppierungen und Geschöpfen Isdraias belegt ordnen. Dieses Kapitel thematisiert die Stromläufer, wie die Bewohner der Flussstadt Bruck zu bezeichnen sind. Auch liegt hier das Allwissende Archiv. Reiseberichte über Bruck sucht man in der Folge vergebens, allerdings gibt es eine Menge an Beobachtungen, die als Grundlage dienen. Dennoch wird nicht zu vermeiden sein, mit blinder Arroganz auf das Selbstverständliche zu schauen, ohne es zu erkennen.

Siedlungsgebiet

Bruck ist im ganzen Land bekannt als die Stadt, die dem mächtigen Elendar trotzt, dem Fluss der Flüsse und der Hauptader Isdraias. Nicht zuletzt dank seiner zentralen Lage ist Bruck die wohl wichtigste Stadt des gesamten Landes. Hier, im Herzen Isdraias und in unmittelbarer Umgebung zum Zacken, der in ganz Isdraia Orientierung schafft, leben die Stromläufer. Sie sind das Volk dieser Stadt. Bruck liegt dabei auf einer Insel und ist ringsherum vom Wasser des Elendars eingeschlossen. Es ist unvorstellbar, Insel und Stadt separat voneinander zu denken. Sprechen die Stromläufer von Bruck, meinen sie normalerweise beides. Auf der Insel gibt’s es ohnehin kaum ein Fleckchen Land, das noch nicht Teil der Stadt geworden ist.

In der längeren Vergangenheit wurden keine bekannten Versuche unternommen, die Einwohnerzahl zu bestimmen. Infolgedessen beauftragte der Bürgermeister vor einigen Dunklungen das Allwissende Archiv mit einer Volkszählung. Gelehrte nutzten die Zählung, führten komplexe Berechnungen durch und kamen zum Schluss, dass aktuell schätzungsweise 34.000 bis 69.000 Einwohner in Bruck lebten. Die Ungenauigkeit ist besonders durch die Unterstadt erklärbar. Dort herrscht zu reges Treiben, um eine exakte Bestimmung vornehmen zu können. In Zukunft sollen Volkszählungen dieser oder anderer Art häufiger stattfinden, um einem präzisen Ergebnis möglichst nahezukommen. Insbesondere strebt der Bürgermeister an, tieferes Verständnis über die Zusammensetzung seiner Bürger zu haben.

Erscheinungsbild

Das Erscheinungsbild der Stromläufer ist in keiner Art und Weise auf einen Nenner zu bringen. Die hiesig ansässigen Bewohner entstammen den unterschiedlichsten Regionen Isdraias. Entsprechend leben Vertreter sämtlicher Völker in der Stadt. Fenn, Goblins, Menschen, ja auch Wolbies und Scheeba sind aus Bruck nicht wegzudenken. Würde man versuchen, die Stromläufer auf ein paar zentrale Merkmale im Erscheinungsbild herunterzubrechen, würde das der Vielfalt der Bevölkerung nicht gerecht werden. Dafür sind Stromläufer, vermutlich in vielerlei Hinsicht, zu facettenreich. Hier ist für eine differenzierte Charakterisierung erneut auf die kommenden Volkszählungen zu verweisen, die hilfreiche Erkenntnisse versprechen lassen.

Wesensart und Praktiken

Das Volk der Stromläufer ist in seiner Wesensart relativ ausgeglichen, insbesondere im direkten Vergleich zu den umliegenden Völkern. Wo Fenn zu skeptisch, Morgathaler zu eitel und Skuhuks zu primitiv sind, liegt in Bruck eine ausgewogene Mischung vor. Singuläre Ausnahmefälle gibt es selbstverständlich überall und so auch unter den Stromläufern, doch glänzt die breite Masse mit nahezu tadellosem Benehmen. Nicht zuletzt der Bürgermeister Brucks gilt als inspirierendes Idol für die Bewohner. Seit dem Beginn seiner Amtszeit haben sich, seinen Angaben zufolge, Kriminalität und Korruption deutlich verringert. Der Schwarzmarkt sei mehr unter Kontrolle als jemals zuvor. Unter den Banden der Unterstadt gibt es die höchste Kriminalität, doch wird sich der Bürgermeister auch hierum bald gänzlich gekümmert haben.

Dies wirkt sich positiv auf die Stimmung der Stromläufer aus. Selbst unter denen, die eher am Rande der Gesellschaft stehen, mittellos in Mangel leben, statt sich ein besseres Leben zu erarbeiten (welch törichter Gedanke wäre es doch auch, einen tadelnden Finger auf etwas zu richten, das man nicht fassen darf), herrscht eine durchweg freudige und gemeinschaftliche Atmosphäre.

Doch nicht alle lassen sich mit guter Laune über ihre prekären Verhältnisse hinwegtrösten. Unser großartiger Bürgermeister setzt sich mit allen Mitteln und Möglichkeiten dafür ein, den Untergrund Brucks in Ordnung zu bringen. In Gesprächen mit der Bevölkerung wird klar, dass besonders der Schwarzmarkt als Problem erachtet wird: Die einen echauffieren sich aufgrund des exotischen Tierhandels, die anderen aufgrund gestiegener Preise. Die Regulation des Handels findet in Bruck bereits bei der Einfuhr statt. Das Leben inmitten des Elendars ist prägend – in vielerlei Hinsicht. Die Häfen sind entscheidend für die Ein- und Ausfuhr jeglicher erdenklicher Waren. Ohne die Schifffahrt wäre die gesamte Bevölkerung Brucks aufgeschmissen. Daher werden die Häfen mit einem besonders wachsamen Auge behandelt.

Mit einem ausgeprägten Sinn für Kleinlichkeit wird geprüft, welche Schiffsladungen in Bruck an Land gebracht werden. Stromläufer legen sehr großen Wert auf das, was in ihre Stadt raus- und reinkommt. Diese Gründlichkeit scheint Ärger zu erwecken. Seit der letzten Ostwindphase sind acht Schiffsunglücke dokumentiert worden, allesamt aufgrund gerissener Zugseile. Vermutlich handelt es sich hierbei um eine Art von Sabotage, die ihren Ursprung außerhalb des Stromläufer-Gebiets findet. Umso wichtiger ist es, dass der Bürgermeister regulierende Sicherheitsmaßnahmen einleitet. Er höchstselbst hat zum Schutz der Brucker Gesellschaft etwa neue Friedensrichter und Friedenswahrer ernannt.

Aktuelle Entwicklungen

In jüngster Zeit erlebte die Stadt Bruck deutliche Veränderungen. Das Allwissende Archiv, als Institution, die von der freundlichen wie finanziellen Unterstützung des Bürgermeisters profitieren darf, gehört zu den wohl eindrucksvollsten Entwicklungen. Es ist eine Revolution des Wissens, die Großartiges schaffen will. Der Bürgermeister lässt verkünden, dass ein Archiv nur so lange etwas Gutes sein kann, wie es seiner Bevölkerung zugutekommt. Doch kann sich kein Archiv auf einem Thron ausruhen, einfach die Pforten verschließen und der Welt die Wahrheit rauben. Darum soll kein Großes, sondern das Allwissende Archiv fortan Aushängeschild der Stadt sein. Und das Allwissende Archiv wächst zu enormer Größe heran.

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Illustration "Jagender Talkrächzer" von Fiona Kämmerer

Gezeichnet, M. W., Archivarin des Allwissenden Archivs, Abteilungsleitung Schriften und Wissen

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