Almanach: Exkurs über Tiere und Bestien

ARCHIV05.03.2026

Almanach: Exkurs über Tiere und Bestien

Über Raubbär-Angriffe, unentdeckte Bestien und andere Tiere Isdraias.

Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.

Im Auftrag der obersten Kartografin wurden verschiedenste historische Schriften sowie Reiseberichte der vergangenen 100 Wenden zusammengetragen und ergründet. Die hiesige Aufzeichnung soll einen gegenwartsnahen Überblick zu den Völkern, Gruppierungen und Geschöpfen Isdraias belegt ordnen.

Dieses Kapitel unternimmt einen Exkurs, fort von den humanoiden, einigermaßen intelligenten Völkern. Stattdessen sollen hier Erkenntnisse über die schlimmsten Bestien Isdraias zusammengetragen werden – mehr in Kürze statt Ausführlichkeit. Zugrundeliegen dutzende Berichte, zumeist aus zufälligen Begegnungen mit Wild. Legenden und Sagen müssen ebenfalls herangezogen werden, doch ist ihr Wahrheitsgehalt kritisch zu hinterfragen.

Wilde Tiere leben vermutlich in ganz Isdraia. Es wäre doch sehr verwunderlich, in irgendeinem Fleckchen des Landes kein Geschöpf niederer Instinkte, Skuhuks ausgenommen, zu entdecken. Umso weniger sinnvoll ist es, auf sämtliche bekannte Arten hier im Detail einzugehen. Das schiere Ausmaß an Aufwand würde eine Fertigstellung unmöglich machen. Daher soll auf ein paar der gefährlichsten und häufigsten Bestien eingegangen werden, ausgehend von Bruck als Zentrum Isdraias.

Geschöpfte in Bruck

Aus Brucker Perspektive ist das Risiko für eine Begegnung mit einem gefährlichen Raubtier so lange äußerst gering wie nicht der Elendar überquert wird. Als besonders bedrohlich können die Gebiete am West- und Ostufer eingestuft werden. Doch sind sämtliche Tiere, die in Bruck anzutreffen sind, weitestgehend ungefährlich.

Eine Ausnahme stellt höchstens ein bestimmter Bezirk der Unterstadt da. Aus Sicherheitsgründen wird dieser jedoch nicht näher beschrieben oder benannt. Es ist in jedem Falle bekannt, dass dort regelmäßige Treffen zwielichtiger Gestalten stattfinden, um exotische Tiere zu handeln. Der Bürgermeister ist bereits alarmiert und wird innerhalb der nächsten Zeit einschreiten. Möglicherweise legen sich die unrechtmäßigen Aktivitäten dort dann bald. Möglicherweise bedarf es eines anderen Ansatzes.

Sieht man von den unerlaubten Tieren und deren Handel in Bruck ab, ist eine regelrechte Plage an Kesselratten festzustellen. Nicht zuletzt die Unmengen an Exemplaren, die der Hausmeister unter Naserümpfen – Kesselratten stinken noch schlimmer als ein Skuhuk – aus dem Allwissenden Archiv entfernen muss, ist absurd. Und es werden nicht weniger.

Doch verfügt Bruck selbstverständlich über wesentlich mehr Tierarten, die den Bewohnern regelmäßig große Freude bereiten. Die Scheebas gehören dazu und auch ohne die zahlreichen Vögel wäre Bruck unvorstellbar, nicht zuletzt dank der Postvögel, die eine einzigartig fortschrittliche Art der Kommunikation ermöglichen.

Geschöpfe links des Elendars

Verlässt man Bruck und begibt sich ans Ufer des Elendars, findet man auf der westlichen Seite zahlreiche höchst gefährliche Bestien. In einigen Schriften werden Sichtungen von Glenmors erwähnt. Diese haarigen Raubkatzen überragen Menschen um ein deutliches Maß, sind sogar ein paar Köpfe größer als Fenn. Sie werden auffällig häufig um die Windwenden herum beobachtet. Erkennungsmerkmale sind außerdem ihre Vorderbeine, die ein ganzes Stück länger als die Hinterläufe sind. Es wird davon ausgegangen, dass sich das Glenmor vorwiegend von Fleisch ernährt. Allerdings wurden sie noch nie bei der Jagd gesichtet.

Was durchaus beim Beutezug beobachtet wird, sind Glimmerwölfe. Diese lästigen Biester treiben sich am Westufer häufig in der Nähe der Getreide- und Holzlager herum. Sie sind zumeist im Rudel unterwegs. Ihren Namen verdanken sie den glimmernden, dornigen Stacheln auf ihren Rücken. Diverse dokumentierte Angriffe von Glimmerwölfen lassen auf die Vermutung schließen, dass Wölfe mit besonders vielen Glimmdornen auch besonders aggressiv auftreten. Wo der Ursprung dieses Zusammenhangs liegt, ist jedoch nicht bekannt. Außerdem ist bemerkenswert, dass keiner der bekannten Angriffe während einer Dunklung stattfand.

Seltener, doch meist fataler, sind Kontakte mit Raubbären. Diese Tiere können ein buchstäblich monströses Ausmaß annehmen und sind aufgestellt auf ihren Hinterläufen doppelt so groß wie ein Fenn. Raubbären sind tödlich und geradezu manisch auf der Jagd. Von ihrer Beute lassen sie erst ab, wenn sie ihr Opfer erlegt haben oder ihnen die Puste ausgeht. Noch schlimmer ist es daher, dass sie in einem weit umfassenden Gebiet vorkommen. Begegnungen gab es während der letzten fünf Windwenden vorwiegend im Dämmerlichtwald und in den Speerhügeln. Ältere Aufzeichnungen verorten Raubbären auch in Skuh-Be’Tak. Möglicherweise umfasst ihr Territorium ganz West-Isdraia. Doch fehlen aktuellere Berichte. Die jüngste Sichtung eines Raubbären fand auf der Westseite des Zackens statt. Dort, am Schatten, begegnete eine Gruppe Reisender einem schwer verwundeten Raubbären. Dieser konnte sich laut Aussagen nur gerade so noch fortbewegen, schleppte sich eher voran, als dass er lief. Grund dafür war eine gewaltige Kriegsaxt, die in der Flanke des Bären steckte – zum großen Glück der Reisenden, die andernfalls kaum eine Chance gehabt hätten, die Begegnung heil und an einem Stück zu überstehen.

Geschöpfe rechts des Elendars

Auf der anderen Seite des Elendars, am Ostufer, ist eine Reise aber ebenfalls nicht ungefährlich. Hier und da streunen harmlose Wildpferde herum. Doch gibt es dann auch noch Krakmähnen. Diese sind vor allem hörbar, denn ihr lästiges Bellen und Heulen fährt durch Mark und Bein. Abgesehen davon sind die verzottelten Wölfe durch ihre Fellmähnen um den Kragen herum erkennbar. Auch ihr Schwanz ist aufgeplustert und buschig. Die Ausprägung ihres Fellmantels variiert je nach Ost- oder Westwindphase. In ihrer Größe gleichen sie den Glimmerwölfen, sind tendenziell aber ein paar Fingerbreit kleiner.

Des Weiteren ist zu vermuten, dass weiter nördlich Bestien namens Gankroks leben. Eine Begegnung mit ihnen endet in fast allen Fällen tödlich. Genau aus diesem Grund ist auch nur wenig über sie bekannt. Es liegen vor allem Berichte über Vermisste vor, von Angehörigen, die versuchen zu warnen. Unter sämtlichen, dem Allwissenden Archiv vorliegenden Schriftstücken gibt es nur einen einzigen Fall, wo die Begegnung mit einem Gankrok lange genug überlebt wurde, um etwas darüber dokumentieren zu können. Diese Begegnung ereignete sich vor 37 Wenden. Hervor ging die Skizze eines der Tiere: groß wie ein Fenn, gepanzert und mit einem Schwanz, krakelig beschrieben als eine Art tödlicher Morgastern.

Über Sagen und Gerüchte

Das Allwissende Archiv abreitet sorgfältig genug, um wahre Tatsachen als eben solche identifizieren und berichten zu können. Doch kommt es manchmal vor, dass eben nicht mit Sicherheit daraufgesetzt werden kann, es mit einer Wahrheit, statt Unwahrheit zu tun zu haben. Aus dem Streben nach Vollständigkeit werden gleich Geschichten aufgeführt, bei denen auch nicht die größte Sorgfalt bei der Recherche feststellen konnte, ob es sich um Einbildung, Sage und Lüge oder um Wahrheit handelt.

Als erstes gab es vor kurzem einen Vorfall im Zackenmassiv. Eine kleine Truppe aus Archivaren und Leibgarde war im Zackenmassiv unterwegs. Die Wetterverhältnisse wurden als äußerst schwierig dokumentiert. Ein Schneesturm blockierte sämtliche Sicht und die Truppe kam vom Weg ab. Plötzlich sei eine riesige grüne Lanze auf sie hinunter gesaust. Ein Beteiligter berichtete, eher eine Sense erkannt zu haben. Ein Archivar wurde gepackt und verschwand sofort im Schnee. Danach hörte man nur Schreie und Knacken. Einer der Leibwächter kommentierte – unter Tränen: „Es war so schnell. Und so tödlich. Er war einfach weg. In einem Wimpernschlag. Ich glaube, ich habe gehört, wie sein Rückgrat gebrochen ist und sein Brustkorb zerrissen wurde. Das war kein Tier, auch keine Bestie, kein Monster. Es war etwas Schlimmeres.“ Er quittierte den Dienst nach seiner Rückkehr.

Dass unbekannte, derart grausame Gestalten im Zackenmassiv hausen, schätzt die Fauna-Abteilung des Archivs als unwahrscheinlich ein. Zugegebenermaßen ist wenig über die äußersten Ecken Isdraias und die dortige Tierwelt dokumentiert. Dort, in den entferntesten Extremen, wäre etwas Derartiges durchaus denkbar. Etwa scheint es ganz im Westen riesige Flugwesen zu geben, die noch nicht näher untersucht werden konnten. Vielleicht wären diese zu so heimtückischen Angriffen fähig. Doch herrscht akademischer Unglaube darüber, dass so was ausgerechnet für den benachbarten Zacken gilt. Etwas dieser Art hätte schon längst auffallen müssen, vor allem in Schriften vergangener Epochen. Daher geht das Allwissende Archiv aktuell davon aus, dass der Angriff am Zacken nicht von einem neuartigen Monster, sondern einem altbekannten stammt, das aufgrund der Wetterverhältnisse nicht identifiziert werden konnte.

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Illustration "Verwundeter Raubbär" von Sam Manley

Gezeichnet, M. W., Archivarin des Allwissenden Archivs, Abteilungsleitung Schriften und Wissen

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