Reisebericht Nr. 1: Der, den niemand fand

ARCHIV12.06.2026

Reisebericht Nr. 1: Der, den niemand fand

Die Geschichte eines Anfangs und eines Vollidioten

Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.

Einordnung

Der erste Archivar, der sich jemals auf die Reise machte, hatte keinen Namen und kein Ziel.

Alles begann zu dem Moment, als sich der Bürgermeister das erste Mal vor die Bewohner Brucks stellte, um ihnen seine großen Pläne für das Allwissende Archiv zu verkünden. Eine recht beachtliche Gruppe an geschätzten Bürgern hatte sich zusammengefunden, seinen Worten zu lauschen.

„Und so beginnt Wissen für alle, Wissen für Bruck, über ganz Isdraia!“, verkündete der Bürgermeister am Ende seiner Rede. Die Menge klatschte. Doch einer, der klatschte und jubelte am lautesten. Es war ein junger Mann, ein einfacher Kerl und wohl große Zeit seines Lebens ein einfacher Tagelöhner an den Docks gewesen. Seine Kleidung war mehr als Lumpen zu bezeichnen, sein Aussehen erweckte einen bitteren Eindruck. Doch seine Augen leuchteten. Er rief: „Hier drüben, hier drüben! Lasst mich helfen, mein Herr!“ Doch der Bürgermeister lachte nur amüsiert.

Die versammelte Menge löste sich allmählich auf und nur dieser Kerl blieb vor dem Rathaus stehen. Ehrfürchtig tat er eine ganze Weile nichts anderes als die hohen Mauern zu bestaunen. Und schließlich klopfte – nein, vielmehr hämmerte er an der Tür. Als man ihm das erste, zweite und auch das fünfzehnte Mal öffnete, sagte er nur: „Lasst mich helfen, mein Herr! Alles würde ich tun!“ Doch für ihn gab es keine Arbeit im Allwissenden Archiv. Als er das sechszehnte Mal klopfte – das war ein paar Dunklungen später, denn immerhin unternahm er in seinem Terror auch mal Pausen – da hatten sie es satt und sperrten ihn ein.

Doch auch als dieser Kerl in seiner Zelle saß, gab er keine Ruhe. Die Leibgarden berichteten, jede einzelne ihrer Schichten mit diesem drängelnden und quengelnden, unendlich beharrenden Bitten und Betteln verbringen zu müssen. Irgendwann, da schlugen sie ihn. Doch keine blauen Flecken konnten unterbinden, dass er seine ewige Leier fortsetzte. Schließlich flehten sie den Bürgermeister an, diesen Kerl endlich töten oder wenigstens von der Insel verbannen zu dürfen. Da entschied der Bürgermeister, ihn ein erstes wie letztes Mal persönlich anzuhören.

„Lasst mich helfen, mein Herr!“, strahlte er freudigst und mit geschwollenen Augen, „Das Allwissende Archiv kann Bruck so viel ermöglichen, so viel Klarheit ins Dunkle bringen, so viel Fortschritt und Entwicklung herbeiführen, uns alle erlösen! Egal, was es ist, lasst mich helfen. Lasst mich die Arbeit machen, für die sich sonst niemand die Hände schmutzig machen will! Lasst mich Wissen sammeln und Neugierde stillen!“

Und so fand der Bürgermeister eine Verwendung für ihn. Doch hatte es niemand jemals für nötig empfunden, ihn nach seinem Namen zu fragen.

Fünf Dunklungen später

Die erste Expedition des Allwissenden Archivs war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Man schickte diesen Kerl los, keine Vorbereitung, nur ein wenig Proviant und einen kümmerlichen Gehstock im Schlepptau. Er war unbewaffnet, unerfahren und hatte keineswegs auch nur den Hauch einer Idee, was er zu tun hatte. Selbst die Erfahrensten unter den Archivaren zeigten keine Anstalten, ihn in jeglicher Hinsicht zu unterweisen – aber wie sollten sie auch? Über viele Wenden hatte man sich im Schutz des Elendars versteckt und keinen Fuß aufs Festland gewagt. Niemand von ihnen hatte einen blassen Schimmer, was dort draußen lauerte. Die Archivare waren es gewohnt, in ihren schicken Sesseln zu sitzen und zu studieren, was Reisende zu berichten und Bibliotheken zu bieten hatten.

Dieser Kerl war der erste, der dort draußen selbst nachsehen wollte. Doch war dieser Kerl auch der erste, um festzustellen, was dafür von Nöten war. Blauäugig – im wörtlichsten Sinne – stapfte er los. Bevor er sich auf den Weg zum Hafen machte, verkündete er dem Allwissenden Archiv: „Das nächste Mal winke ich euch, wenn ich auf den Weltensteig geklettert bin!“ Und dann lachte er inbrünstig.

Fünf Wenden später

Keiner der Archivare rechnete damit, dass dieser Kerl nach ein paar Dunklungen zurückkehren würde. Sie rechneten vielmehr damit, dass er nie mehr zurückkehren würde. Doch wie die Windwenden ins Land zogen, bekamen sie dennoch ein schlechtes Gewissen. Nicht, weil sie sich um diesen Kerl sorgten. Die Erwartung, die ihre Berufung an sie stellte, war wichtiger.

Schließlich stellte das Allwissende Archiv nach fünf Wenden fest, eine Art Leerlauf zu erreichen. Der Stapel an ungesichteten Büchern verschwand, die einst ungeordneten Rollen Pergament waren nach sämtlich erdenklichen Merkmalen sortiert und das Zeitgeschehen gab gerade nur noch genug her, um eine Handvoll Archivare beschäftigt zu halten. In den Augen des Bürgermeisters gab es immer etwas zu tun – immer etwas über seine Bevölkerung zu forschen und zu erfahren. Doch sollte der aufmerksame Leser nun nicht glauben, man habe sich nach fünf verstrichenen Wenden schließlich doch entschieden, eine überzogene Suchaktion zu starten.

Es hatte niemand jemals für nötig empfunden, nach diesem Kerl zu suchen.

Doch stand an einem dieser Morgende eine Händlerin vor den Pforten des Allwissenden Archivs. Sie berichtete, im äußersten Westen des Fennreichs beheimatet zu sein, stammend aus einer kleinen Siedlung namens Fennquell. In der Umgebung habe sie eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Es war ein Notizbuch voller Einträge, die sie nicht entziffern konnte. Doch das Wappen, welches auf dem ledernden Einwand abgebildet war, gehörte nach Bruck. Man gab ihr ein paar Dar zu viel für ihren Fund und schickte sie fort.

Ein Rätsel

Dieser Kerl hatte jedes noch so unbedeutende Detail seiner Expedition festgehalten. Genau genommen schien er eine gewisse Vorliebe für unnütze Informationen zu besitzen. Seine Feldnotizen bestanden die ersten zehn Dunklungen aus Landschaftsbeschreibungen und wenig kundigen Kommentaren zu seiner Umwelt. Gehaltvolleres als seine Nahrungsplanung und Unwissen gegenüber Lendobäumen findet man hier kaum:

„Die Sonnenstrahlen schaffen es kaum durch die riesigen Bäume. Da hängen lange, grüne Seile dran. Penjas scheinen hier nicht zu wachsen. Aber bestimmt finde ich noch ein paar. Die müssen hier irgendwo sein. Sonst muss ich wohl die Käfer essen. Die sehen ulkig aus. Nicht appetitlich. Nachtrag: Ulkige Käfer schmecken doch. Man muss nur genug Hunger haben. Am besten am Spieß. Obacht vor den Bären, sind böse.“

Ein anderes Mal, da schien er den Wald überwunden zu haben:

„Ha! Hier sieht es ja fast aus wie in der Südkamm! Die ganzen Bäume sind weg. Aus der Stadt kommt dauernd Rauch. Aber die meiden mich jetzt, bin einem Wolby auf den Schwanz getreten. Wenigstens keinem dieser Wölfe. Ziehe weiter. Die Blumen hier riechen auch fragwürdig. Die gelben sind am schlimmsten. In der Ferne sehe ich welche in violett. Ob die nach Penja riechen? Oder schmecken sie gar nach Penja? Keine ulkigen Käfer in Sicht.“

Absolute Idiotie bewies er dann zwei Einträge später, erneut:

„PenJAs trinekn iest wunderbra, schmekkt enfach fentasfisch!! Nachtrag: Kopfschmerzen. Sie haben mich des Dorfes verwiesen.“

Es ist der letzte Eintrag, der das Allwissende Archiv dazu bewegen sollte, sich diesem Kerl und seinen abstrusen Notizen doch anzunehmen:

"Im Niemandsland

Habe den Fluss überwunden und hinter mir gelassen. Es wird allmählich kälter, besonders während der Dunklung. Schon eine ganze Weile bin ich seit dem letzten Malheur unterwegs und auf niemanden getroffen. Vielleicht ist das besser so, vielleicht ist niemand der beste Umgang, den ich haben kann. Meine bisherigen Begegnungen waren gegen Ende ziemlich unangenehm. Die Kinder lachen über mich. Aber ist das eine Sache, die mir passiert, weil ich hier bin?

Ich sitze jetzt wieder unter Bäumen. Noch ist etwas Zeit bis zur Dunklung. Was mache ich, wenn auch diese vorbeigezogen ist? Wie die ganzen anderen? Irgendwann habe ich mich verzählt. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele vergangen sind. Vielleicht ist es Zeit zu gehen.

Nachtrag: Es muss aus einer anderen Zeit stammen. Bald haben wir etwas gemeinsam. Diese Welt kann nicht endlich sein. Aber für mich ist sie es.“

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Illustration "Verhangene Baumkrone" von Ahmed Shafaq

Gezeichnet, M. W., eine beschämte Archivarin des Allwissenden Archivs, Abteilungsleitung Schriften und Wissen

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