Forschungsbericht Nr. 4, Handlungsempfehlungen für die Abwehr gegen Berggorms

ARCHIV25.06.2026

Forschungsbericht Nr. 4, Handlungsempfehlungen für die Abwehr gegen Berggorms

Stimmt es, dass fleischliche Schutzschilde gegen Gorm-Angriffe schützen?

Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.

Es ist bereits ein paar dutzend Dunklungen her, dass ein aufgeregter Bewohner Brucks an die Türen des Allwissenden Archivs klopfte. Der Bewohner war ein Skuhuk und versuchte äußerst bemüht, ein dringliches Anliegen zu artikulieren. Als das Allwissende Archiv ihn schließlich als etablierten Händler identifizierte, gewährte man ihm, in seiner Ausführlichkeit zu berichten. Ein Berggorm sei ihm auf seiner letzten Reise begegnet und er entwischte ihm nur um Haaresbreite. Er wolle erwirken, dass sich das Allwissende Archiv und der werte Bürgermeister stärker darum kümmerten, Abwehrmaßnahmen gegen Gorms zu erarbeiten und an die Bevölkerung weiterzugeben. Dieser Bitte wird das Allwissende Archiv nun mit großer Sorgfalt nachgehen.

Fundamentales Wissen über Gorms

Das Allwissende Archiv verfügt über eine Vielzahl von Schriften, die Begegnungen und Wissen über Gorms dokumentieren. Das Allwissende Archiv nutzt das hieraus Zusammengetragene, um praktische Forschung voranzubringen und neue Erkenntnisse explizit für Abwehrmechaniken zu erarbeiten. Grundlegend sind Gorms riesige, menschenartige Wesen. Ihre Pranken sind so groß, dass sie problemlos Bäume herausreißen und Felsbrocken umherwerfen können. Sie gelten daher als äußerst tödlich. Legenden besagen, dass Gorms unter Umständen gezähmt und als Waffe eingesetzt werden können. Gleichermaßen könnte dieses Gerücht auch lediglich dem Umstand dienen, einem potenziellen Gegner Furcht zu bereiten. Den Dokumentationen des Allwissenden Archivs nach gibt es zwei Arten von Gorms: Berggorms und Grubengorms. Letztere werden seltener gesichtet und sind bedauerlicherweise die ungefährlichere Variante. Berggorms können in Rage versetzt ganze Dörfer auslöschen. Doch auch bei ihnen sind Begegnungen insgesamt sehr selten, wobei eine gewisse Dunkelziffer zu vermuten ist. Noch unwahrscheinlicher als einem Berggorm zu begegnen, ist nämlich, einen Berggorm zu überleben. Ist dem Berggorm jemand zum Opfer gefallen, so schmückt er sich mit dem Leichnam und trägt diesen wie ein Amulett mit sich. Manche behaupten gar, der Berggorm würde mit jeder Kraftaufwendung ein kleines Stück wachsen.
Die außerordentliche Gefahr, die von Berggorms ausgeht, lässt beeindruckt, jedoch vielleicht auch skeptisch, auf die Überlebenschance des Händlers blicken. Da so selten Begegnungen mit Berggorms überlebt werden, verzeichnet das Allwissende Archiv keine Aufzeichnungen über eine geeignete Verteidigungstaktik – bis jetzt. Denn der Bürgermeister nimmt die Belange seiner Bevölkerung äußerst ernst und entschied, das Allwissende Archiv mit einer Forschungsmission zu beauftragen.

Empirische Untersuchungen

Unter Betreuung der Abteilung Feldberichte und Dokumentation für das Fachgebiet Dämmerflanke wurde eine Mission in Richtung Splittergrat unternommen. Dort fand die jüngste Berggorm-Begegnung des Händlers statt. Erfahrene Archivare, die Medizinerin des Allwissenden Archivs, ein Dutzend Leibgarden und ein Dutzend Gefangene - weitestgehend Kriminelle aus dem Untergrund - machten sich auf die beschwerliche Reise. Man hatte die Versuchssubjekte nach einem Losverfahren ausgewählt, auf dass Gerechtigkeit durch Zufall walten gelassen sei. Dies war eine Idee des werten Bürgermeisters. Um die Ergebnisse nicht zu verfälschen, hatte man den Versuchssubjekten nicht offenbart, was Ziel der Mission gewesen war. Dass sie dem Berggorm in seiner Höhle zum Fraß vorgeworfen wurden, wussten sie nicht. Man brachte sie in einem provisorischen Lager in der Nähe unter, doch weit genug weg, um keinen Verdacht zu schöpfen. Nacheinander wurden sie, begleitet von Archivaren und deren Leibgarde, unter einem Vorwand losgeschickt. Man wartete ein bis drei Dunklungen bis man das Geschehen mit den nächsten Versuchssubjekten fortsetzte. So sollte sichergestellt sein, dass der Gorm auch ausreichend Appetit verspürte, um eine realistische Begegnung zu simulieren. Den meisten erzählte man, sie müssten ein Gepäckstück ausfindig machen, das der Händler in der Höhle verloren hatte. Das erste Versuchssubjekt war ein Taschendieb und sie schickten ihn allein und unbewaffnet los. Seine Schreie waren bereits nach kurzer Zeit zu vernehmen. Etwas länger dauerte es beim zweiten Versuchssubjekt. Es war eine Goblinfrau, die in der Unterstadt verbotene Substanzen an Kinder verteilt hatte. Ihr gab man einen Speer mit in die Höhle. Offenbar gebrauchte der Gorm diesen nach Vollrichten seiner Aufgabe als Zahnstocher. Das dritte Versuchssubjekt hatte ein Schwert und ein Schild erhalten. Es war ein verschuldeter Mensch und er schaffte es zumindest, bei einem Fluchtversuch gut zwei Fuß breit wieder aus der Höhle heraus. Doch die Pranken und der Zorn des Gorms waren zu groß und sein Hunger zu stark. Das vierte Versuchssubjekt war ein erfahrener Krieger Morgathals, der in Bruck durch Pöbeleien in verschiedenen Gasthäusern aufgefallen war. Er erhielt eine volle Rüstung, Schild und Schwert sowie zusätzlich einen Dolch. Er überlebte überraschend lange, stellte sich der Gefahr, ohne die Flucht zu versuchen. Doch auch er scheiterte. Schließlich wechselten die verantwortlichen Archivare die Strategie und schickten vier Gruppen mit jeweils zwei Gefangenen los. Die erste Gruppe blieb unbewaffnet. Die zweite Gruppe war zwar bewaffnet, mit dem Auftrag, keineswegs mit leeren Händen zurückzukehren, doch scheiterte in ihrer Angriffslust. Die dritte Gruppe erhielt eine vollwertige Rüstung, diverse Waffen, einen Greifhaken und sogar eine Fackel – die Archivare hatten mittlerweile Sorge, der bisherige Misserfolg war den Lichtverhältnissen in der Höhle geschuldet und zumindest nicht gänzlich der Brutalität des Gorms. Sie starben. Und so war es am letzten Zweiergespann, zu triumphieren. Es waren zwei Fenn; der eine ein Kindsmörder, den anderen hatte man wegen Verspottung des Bürgermeisters als klippenwürdig erklärt. Ihnen gab man, in Angesicht der weitestgehend verzweifelten Lage, einen anderen Auftrag: Betretet die Höhle, findet den Rucksack des Händlers und ergreift die Flucht – die oberste Priorität ist jedoch euer Überleben.

Überlebenserfolg

Und so kam einer von ihnen zurück, nicht nur am lebendigen Leib, sondern auch vollkommen unversehrt. Das Allwissende Archiv lässt ihn berichten:

„Dieser andere und ich, wir haben auf dem Weg hinauf zur Höhle besprochen, wie wir das machen. Er hat mir gesagt, dass er schreckliche Angst hätte und solche erbärmlichen Sachen – sein Pech, wenn meine Ohren das hören. Hab gesagt, ich werde ihn schon retten. Haha. Sind also da hochgeklettert. Der hat geheult, schon weit, bevor wir drin waren. War ein Kinderspiel. Der Gorm hat geschlafen, man hat ihn sogar schnarchen gehört – also eigentlich die perfekten Voraussetzungen! Dann ist diese Spottgeburt auf einen lockeren Kiesel getreten, ausgerutscht und mit Wucht auf den Boden geknallt. Das hat man sicherlich auch von draußen gehört! Der Gorm war dann wach. Ziemlich sofort, hat gebrüllt, noch bevor er seine Augen geöffnet hatte. Es hat sofort gestunken in der Höhle. Mundgeruch. Riesige Zähne, ziemlich gelb. Ha. Haha. Der andere, der hat dann natürlich geschrien. Ist einfach stehen geblieben und ist vor Angst eingefroren. Er hat ausgesehen, als wären wir auf dem Zacken unterwegs. Das war dann meine Gelegenheit. Der Gorm ist aufgestanden, beschwerlich, aber gewaltig. Und ich, ich habe den anderen dann einfach mit einem kräftigen Stoß nach vorne geschubst. Dann bin ich zurück gerannt, aus der Höhle raus. Ich hab mich nochmal umgedreht und nachgeschaut. Der Gorm hat ihn gepackt und ihm den Kopf abgerissen. Er hat den Kopf mit seinen Zähnen zermatscht, als wäre es eine kleine Beere. Das hat vielleicht eine Sauerei gemacht. Und dann hat er den Körper genommen und ihn wie eine geöffnete Flasche Penjalikör ausgeschlürft. Schwer zu beschreiben. Bestialisch. Wurde mir zu heikel, bin dann lieber sofort rausgekommen. Ich habe noch ein Knacken gehört. Und jetzt bin ich hier.“

Abschluss und Handlungsempfehlung

Das Allwissende Archiv trägt sein Fazit vor. Nur eine der untersuchten Testbedingungen konnte ein Überleben sichern und wird daher eindeutig als Empfehlung für die Brucker Bevölkerung ausgeführt. Der Bürgermeister und das Allwissende Archiv empfehlen:

  1. Unnötige Reisen aus Bruck sollten vermieden werden, um das Risiko für eine Gorm-Begegnung zu senken.
  2. Unvermeidbare Reisen aus Bruck sollten stets in Begleitung anderer unternommen werden. Je nach monetärer Ausstattung ist die Pacht einer Leibgarde des Allwissenden Archivs möglich.
  3. Kommt es schließlich zur Begegnung mit einem Gorm, sollte unmittelbar die Flucht ergriffen und die anderen Reisenden bzw. die Leibgarde zurückgelassen werden und als lebendiger Schutzwall gegen Angriffe dienen.

Zu verdanken ist dieser todsichere Plan laut Bürgermeister hauptsächlich dem Skuhuk-Händler, der vor einigen Dunklungen seine Beschwerde anprangerte. Auch opferten zur Untersuchung geeigneter Überlebens- und Abwehrtaktiken gegen Gorms elf Gefangene Brucks ihr Leben. Der Bürgermeister zeigt sich zufrieden und dankt herzlich: „Schade, ich hätte ihnen jetzt gerne die Hand geschüttelt.“ Der überlebende Gefangene trug durch seinen Mut maßgeblich zum Wissensfortschritt der Stadt bei. Wegen seiner großen Verdienste für Bruck hat sich der Bürgermeister dazu entschieden, den Überlebenden zu begnadigen und ihn auf freien Fuß zu setzen.

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Illustration "Verirrter Berg-Gorm" von Francesco Pizzo

gezeichnet M. W., Archivarin des Allwissenden Archivs, Abteilungsleitung Schriften und Wissen

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