ARCHIV – 10.09.2026
Hinweise zur ungeahnt mächtigen Waffe des Fennreichs gesammelt
Ausgehend von Bruck, gelegen im Herzen Isdraias und dem Strom des Elendars trotzend, arbeitet ein Rat aus mehreren Dutzend Gelehrten an der Sammlung und Dokumentation historischen Wissens wie zeitgeschichtlicher Ereignisse. Durch die großzügige Förderung des Bürgermeisters stehen Ressourcen zur Verfügung, die eine Archivierung nie dagewesenen Umfangs zulassen. So entsteht die größte und umfassendste Wissensdokumentation Isdraias. Die hieraus emporgestiegene Institution möge fortan „Das Allwissende Archiv“ genannt werden.
Nach meiner vergangenen Reise ins Fennreich konnte ich wertvolle Informationen für das Allwissende Archiv sammeln. Zwar blieb es mir verwehrt, mein eigentliches Ziel Fennquell zu bereisen, doch berichteten mir die in Kuer ansässigen Fenn von einer geheimen, mächtigen Waffe. Sie sei kurz davor, wieder zu „erwachen“. Außerdem vermutete eine Fenn, dass es sich hierbei um einen Bogen handelte, der imstande war, ganze Städte und Armeen zu vernichten. In Anbetracht der für Bruck hieraus möglicherweise resultierenden Gefahren machte ich mich auf Geheiß des werten Bürgermeisters erneut auf den Weg. Meine Mission hatte das Ziel, jedwede Hinweise über die geheime Waffe zu sammeln. Zunächst, jedoch, startete meine Reise in Bruck selbst. Dort sprach ich mit anderen Archivaren über ihren Wissensstand. Allerdings hatten sie keinerlei Erinnerungen an etwaige Legenden, Gerüchte oder Erzählungen zu überaus mächtigen Bögen des Fennreichs. So beschloss ich, in Bruck wohnhafte Fenn zu befragen. Ich traf auf eine Fenn-Familie, die berichtete, aus dem Gauland – einer Region im äußersten Westen, nördlich der Rohsteige – nach Bruck geflüchtet zu sein. Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass sie mir jegliche Auskunft verweigerten. Selbst nach einer sehr deutlichen Erläuterung der Tragweite meiner Belange – immerhin geht es hier potenziell um den Fortbestand Brucks – wollten sie mir nichts über die Waffe erzählen. Sie leugneten gar, jemals von ihr Wind bekommen zu haben. Den Vorfall habe ich später höchstselbst dem Bürgermeister berichtet und ihm nahegelegt, die Familie als klippenwürdig zu vermerken. So zeigten sich in meiner anschließend durchgeführten Expedition durchaus belastbare Hinweise auf ihre Existenz.
Ein paar Dunklungen nach meiner missglückten Befragung machte ich mich schließlich ein weiteres - nun insgesamt drittes – Mal auf den Weg ins Fennreich. Aufgrund der letzten Erfahrung, bei welcher mich schließlich Wachhabende in Weiler aus dem Land verwiesen, gestattete mir der Bürgermeister diesmal, in Begleitung zu reisen. Zur Sicherung der wichtigen Expedition unterstützten mich zwei Leibgarden. Es waren dabei jene Leibgarden, die damals K.S. in Richtung Norden begleitet hatten. Zu meinem Erstaunen hatten die beiden keinerlei archivarisches Wissen, geschweige denn eine Qualifikation, die Geschehnisse der Reise adäquat einzuordnen. Durch ihre rabiate Bewaffnung schafften sie es wenigstens, meinen Belangen einen gewissen Nachdruck zu verleihen. Gleichermaßen war mir der Ausgang des Vorfalls am Eimhufer gut genug bekannt, um mich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen. Auf der Reise nach Kuer befragte ich auch diese beiden, ob sie je von der geheimen Waffe des Fennreichs gehört hatten. Möglicherweise, so dachte ich, konnten sie sich an etwaige Geschichten von K.S. erinnern, der selbst aus dem Fennreich stammte. Doch überraschte es mich kaum, in ungläubige – nein, gar einfältige – Gesichter zu blicken. Die Leibgarden erwiesen sich als äußerst unkooperativ, obwohl wir uns das gleiche Volk teilten. Entlang der Dämmerflanke begegnete mir auch diesmal ein Händler. Ich erkundigte mich zunächst nach seinem Reiseziel und seiner Ware, um sein Vertrauen zu wecken. Er wollte, wie er erläuterte, nach Bruck und hatte ein paar Säcke Penjas und Rotrüben im Karren. Er wollte mir, obwohl ich nicht mal danach gefragt hatte, jedoch keine davon verkaufen. Also erzählte ich ihm, ein Archivar zu sein, woraufhin sein Interesse deutlich stieg. Ich erklärte, im Fennreich nach dem Bogen sehen zu wollen, um zu schauen, ob die Zeit bald gekommen war. Auf diese Weise wollte ich ihm gegenüber den Anschein erwecken, das Geheimnis bereits zu kennen. Der Händler entgegnete mit einem Lachen, nickte und wünschte viel Erfolg. Danach zog er weiter. Offenbar schien er genau zu wissen, wovon ich sprach. Dies war der erste, unmissverständliche Hinweis auf die tatsächliche Existenz der geheimen Waffe.
Schließlich erreichten wir Kuer. An der Palisade angekommen, erzählte ich wie üblich zunächst, als Archivar unterwegs zu sein – zu welchem Archiv ich gehörte, ließ ich bewusst aus. So hatten die Langohren bei meiner letzten Reise nur wenig Verständnis den Belangen des Bürgermeisters gegenüber gezeigt. Ich sah in äußerst skeptische Augen, die besonders die Bewaffnung der beiden Leibgarden kritisch betrachteten. Also berief ich mich auf die Raubbären-Sichtung im Schatten des Zacken und betonte ein erhöhtes Sicherheitsrisiko. Zustimmendes Nicken signalisierte mir, dass ich die Wachleute überzeugt hatte. Allerdings blieben sie dennoch weiter hartnäckig. Sie fragten mich genau, was das Ziel meiner Reise beinhaltete und welche Städte ich bereisen wollte. Also versuchte ich, ähnlich der Begegnung mit dem Händler, mich als Eingeweihter zu präsentieren. „Ich will sehen, wann es so weit ist, dass der Bogen Fendirils erwacht“, entgegnete ich demütig, „Das Archiv hat großes Interesse, diesem Ereignis beizuwohnen und es für die Ewigkeit zu dokumentieren, auf dass es der wahren Größe des Fennreichs gerecht wird.“ Ich senkte mein Haupt und deutete eine Verbeugung an. Als ich mich wieder aufrichtete, schienen sich die Wachleute beratend anzuschauen. Lange trafen sich ihre Blicke, offenbar, um in den Augen des jeweils anderen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Nach ein paar Momenten widmeten sie ihre Aufmerksamkeit dann wieder mir. „Wartet kurz“, meinte der eine und ging los, um offenbar jemanden zu konsultieren. Mit Sicherheit war dies ein Indiz dafür, dass meine Strategie funktionierte. Furcht musste es sein, über das Wissen, das den Eindruck machte, bereits in mir zu wohnen. Nach einer etwas unangenehm langen Weile – sicher hatte man lange beraten müssen, was sie mit mir anstellen wollten – kam der Wachhabende zurück. „Eure Einreise wird nicht gestattet“, sagte er erhobenen Haupts und ohne mich eines direkten Blickes zu würdigen, „Ihr solltet abreisen und zu einer anderen Wende wiederkehren.“ Eine der Leibgarden, mir ist jedoch entfallen, welche es war, griff nach ihrem Schwert. Doch noch bevor sie es vollständig hervorholen konnte, unterbrach ich diesen Ausbruch unnötiger Gewalt selbstverständlich. Meine Chancen auf eine Einreise sollten nicht noch weiter geschmälert werden. Zunächst versuchte ich mit Worten, dann mit Dar, die Wachleute umzustimmen. Doch nichts davon nützte und diese Langohren wurden nur noch unfreundlicher. Also begaben wir uns auf den Rückweg. Und so stellte ich fest, zwar dank der widerspenstigen Fenn nichts weiter als den Dämmerlichtwald gesehen zu haben, doch trotzdem genügend Hinweisen begegnet zu sein. Fenn in Bruck, die mich anlogen, ein Händler, der mir für meine Suche Glück wünschte, sich ertappt fühlende Wachen in Kuer – meine Suche nach der Geheimwaffe des Fennreichs wird sicherlich bald Früchte tragen.
Illustration "Bestärkendes Waldgeflüster" von David Frasheski
gezeichnet, M. B., Archivar des Allwissenden Archivs, Fachgebiet Fennreich, Abteilung Feldberichte und Dokumentation